Vampir-Fledermäuse (Desmodontidae)
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Desmodus rotundus auf einem Pferd
D. rotundus bevorzugt Pferde & Maultiere (Montage)

Wer sich in Broschüren und Ausstellungen und auf Internet-Seiten zum Thema Fledermäuse umschaut, entdeckt immer wieder Hinweise auf "blutsaugende Vampire": Der sensationsheischenden Erwähnung folgt sogleich der beruhigende Nachsatz, daß diese bei uns gar nicht vorkommen und uns deshalb auch nicht gefährlich werden können. Dabei ist diese Art der Aufklärung gar nicht nötig: Wer beliebig ausgesuchte Mitmenschen auf "Vampire" anspricht, hört viel von Graf Dracula, aber nur sehr wenig von Fledermäusen: Daß es in Süd- und Mittelamerika tatsächlich Vampir-Fledermäuse gibt, halten viele ebenso für Aberglauben wie die nachtaktiven Untoten, die in Horror-Romanen und Gruselfilmen an Hälsen ihre Sauglöcher hinterlassen. Eigentlich müßte man also seine Mitmenschen von dem Aberglauben befreien, es gebe keine Vampire ...

1. Drei Vampirarten

Von den insgesamt 16 Fledermausfamilien hat sich allerdings nur eine einzige in ihrer Ernährung auf das Anzapfen von Blut spezialisiert: die Familie Desmodontidae, die z. B. in der deutschsprachigen Literatur auch als Desmodidae bezeichnet wird. Sie umfaßt die drei existierenden Vampirgattungen mit jeweils nur einer Art und insgesamt vier Unterarten:

  1. Diphylla ecaudata, Spix 1823 — Kammzahnvampir, Kleiner Blutsauger   (26 Zähne)
    1. Diphylla ecaudata ecaudata: Südamerika und östliches Panama
    2. Diphylla ecaudata centralis: westliches Panama bis Texas
  2. Diaemus youngi, (Jentik) 1906 — Weißflügelvampir   (22 Zähne)
  3. Desmodus rotundus, Thomas 1901 — Gemeine Vampirfledermaus   (20 Zähne)
    1. Desmodus rotundus rotundus: Südamerika einschließlich Trinidad
    2. Desmodus rotundus murinus: Mittelamerika bis Mexiko

Das Zahlenverhältnis der drei Arten und Gattungen zu den übrigen mehr als 150 Fledermausgattungen und bis zu 700 Arten zeigt, wie ungewöhnlich diese Ernährungsweise unter Fledermäuse ist. Dennoch ist sie im Tierreich keineswegs unbekannt: Blutsaugende Insekten und Spinnentiere (Zecken) kennt jeder, und Blutegel werden in der Medizin auch heute noch eingesetzt. Einige Wirbeltiere nutzen Blut immerhin als zusätzliche Nahrungsquelle: Von einer Art der Galapagosfinken und den neuseeländischen Keas (einer Papageienart) ist eine Tradition bekannt, bei Seevögeln Federkiele und Haut bzw. bei Schafen das Fell aufzuhacken, um dann das austretende Blut aufzusaugen. Der ostafrikanische Stamm der Masai (auch: Maasai oder Massai) bedient sich traditionell bei seinen Rindern regelmäßig aus der Halsschlagader: Diese wird aus kurzer Distanz mit einem Pfeil angeschossen, der austretende Blutstrahl wird in einer Kalebasse aufgefangen und sogleich getrunken oder zuerst verarbeitet. Und unsere Metzger produzieren Blutwurst aus Schweinefleisch, Speck und dem Blut des geschlachteten Tieres ...

2. Körpermerkmale

Ein im Tierreich einmaliges Merkmal der Vampire ist ihr Magen: Er mißt bei Desmodus rotundus vom Eingang (Cardia) der Speiseröhre (Ösophagus) bis zum sogenannten Pförtner (Magenausgang bzw. Pylorus) nur einen Millimeter; die Cardia-Region jedoch ist zu einem unglaublich langen Magen-Blinddarm erweitert, der fast die gesamte Bauchhöhle ausfüllt. Ungefüllt ist dieser Blindsack ca. 6 cm lang, gefüllt aber 11–16 cm.

Da Vampir-Fledermäuse keine Schwanzflughaut (Patagium) zum Insektenfang benötigen, ist diese bis auf einen halbkreisförmigen Saum zwischen den Beinen reduziert und bei Diphylla ecaudata kaum noch zu erkennen. Immerhin ist der Sporn (Calcar) bei dieser Art zwar klein, aber noch vorhanden, während er bei den beiden übrigen Arten stark verkümmert ist.

Die Ernährungsweise ist auch der Grund für die im Vergleich zu anderen Fledermausarten weniger leistungsfähige Ultraschall-Echopeilung: Da Vampire keine Luftjäger sind, muß sie nur für die nächtliche Orientierung im Luftraum und am Boden ausreichen. Im Gegenzug können Vampir-Fledermäuse in der Dämmerung besser sehen als viele andere Fledermäuse. Die Ortung der "Blutspender" wie auch ihrer günstigsten Bißstellen erfolgt akustisch (etwa durch das Schnauben eines Pferdes) und vor allem über den feinen Geruchssinn (olfaktorisch) und das Wärmeempfinden der Nase: Filmaufnahmen mit einer Infrarot-Kamera zeigen, daß die Tiere zielsicher auf die Stellen des Wirtskörpers zulaufen, die auf dem Film am hellsten erscheinen, da dort das Blut nahe unter der Haut fließt und folglich die meiste Wärme abstrahlt.

3. Nahrungsaufnahme

Vampirfledermäuse stürzen sich nicht auf ein Tier, um dem sich panisch wehrenden Opfer im wilden Blutrausch die Eckzähne in die Blutbahn zu schlagen, vielmehr erfolgt der Bluterwerb in mehreren Phasen:

Die Ernährungsweise dieser Tiere wird oft falsch dargestellt, vor allem auf Internetseiten und in Broschüren. Vampire können ihre Wirte im Prinzip überall beißen, wenn die Bißstelle nur ausreichende Erreichbarkeit und Haltestrukturen bietet und gut durchblutet ist:

Die Spezialisierung auf Blut hat sich vermutlich als Folge einer ursprünglich karnivoren Ernährung entwickelt: Noch heute springen Vampire Mäuse blitzschnell an und beißen sie so, wie auch andere Arten dies tun – etwa Vampyrum spectrum, die Große Spießblattnase oder Falsche Vampir-Fledermaus, die trotz ihres wissenschaftlichen Gattungsnamens kein Vampir ist. Das ca. 13 cm lange Tier mit einer Flügelspannweite von etwa 70 cm erbeutet neben Früchten und Insekten auch kleine Wirbeltiere, z. B. Vögel und Mäuse ...
    Die Spezialisierung der echten Vampire auf Blut ist so weit fortgeschritten, daß die drei Arten keine andere Nahrung mehr aufnehmen können und sogar von bestimmten Tiergruppen abhängig sind, deren Blut auf die verschiedenen gerinnungshemmenden Stoffe im Speichel der drei Vampirarten unterschiedlich anspricht:

Die Ernährungsweise der Vampirfledermäuse weist diese als Parasiten bzw. Schmarotzer aus. Auch dieser im allgemeinen Sprachgebrauch negativ (weil im wertenden sozialen Kontext) verwendete Begriff weist den Vampiren allerdings keine Sonderstellung zu, da Parasitismus im Tierreich weit verbreitet ist: Ento- und Ektoparasiten (Würmer, Zecken, Mücken etc., die im oder auf dem Körper schmarotzen) haben auch uns Menschen immer schon heimgesucht, und Brutparasitismus ist überall zu beobachten: nicht nur in der Vogelwelt (Kuckucke), sondern vor allem bei Insekten: 24% aller Bienenarten z. B. parasitieren andere, nestbauende Bienenarten! Im Unterschied zu diesen töten Vampire ihre Opfer üblicherweise nicht ...

4. Sozial- und Fortpflanzungsverhalten

Falls die Ernährungsweise der Vampire keine Sympathie hervorruft, so ist ihr Sozialverhalten doch geeignet, die Abneigung gefühlsbetonter Menschen ihnen gegenüber wieder wettzumachen. Untersuchungen an der noch relativ (!) häufigen "Gemeinen" Vampirfledermaus (Desmodus rotundus) haben ergeben, daß diese Tiere in mehr oder weniger festen Gruppen leben und gemeinsam auf Nahrungserwerb fliegen. In ihren Quartieren verwenden sie viel Zeit auf die gegenseitige Fellpflege. Auch Aggressionsverhalten kommt vor: Vampire drohen einander, indem sie mit zusammengefalteten Flügeln auf den Untergrund trommeln, und sie schlagen sich auf gleiche Weise; aber sie beißen einander bei solchen Kommentkämpfen nie! Das Anheben eines zusammengefalteten Flügels ist eine Beschwichtigungsgeste, die ein dominanter Artgenosse, der sich von der Seite dieses Flügels her nähert, auch im Dunklen mit seiner Echoortung wahrnehmen kann.

Aufschlußreich ist auch die Beobachtung, daß Jungtiere, deren Mütter nicht mehr oder nicht rechtzeitig zum Stillen zurückkehren, auch von anderen laktierenden Weibchen gesäugt werden. Der Grund dieses Sozialverhaltens im doppelten Sinne liegt darin, daß Jungtiere bis zu neun Monate lang gesäugt werden müssen, um zu überleben, was die Gefahr begünstigt, ihre Mutter zu verlieren. Notfalls werden sie sogar adoptiert: Nicht laktierende Weibchen füttern die Waisen zunächst mit Blut, was schon ab dem zweiten Monat möglich ist; nach wenigen Tagen sind ihre Milchdrüsen bereits aktiv und geben Milch. Kaum zu glauben: Auch Männchen füttern Jungtiere.
    Forschungen an Desmodus rotundus haben sogar ergeben, daß hungrige erwachsene Vampire regelmäßig und erfolgreich Artgenossen anbetteln. Nach Berechnungen der Forscher würden alljährlich 82 Prozent der erwachsenen Vampire ohne gegenseitige Fütterung verhungern; tatsächlich stirbt aber nur knapp ein Viertel.
    Vampirweibchen können nur alle 9–10 Monate ein einziges Junges gebären; angesichts dieser geringen Fortpflanzungsrate kann die geschilderte Fürsorglichkeit nicht verwundern. Europäische Fledermausschützer wären froh, wenn dieses Verhalten auch unter den hiesigen Fledermausarten üblich wäre.

5. Schädlichkeit und Bekämpfung

Die ältesten bisher gefundenen Fossilien von Vampirfledermäusen datieren aus dem Plestozän, sind also bis zu 1,8 Millionen Jahre alt. Sie gehören zur Gattung Desmodus, die damals auch auf dem Gebiet der heutigen USA und Kubas vorkam. Die Wirtstiere der ersten Vampire waren Wildtiere, die wohl ein ausgeprägteres Abwehrverhalten ihnen gegenüber als Haustiere zeigten, einzeln oder in kleineren Herden lebten und teilweise inzwischen ausgestorben sind. Den menschlichen Besiedlungswellen in der Neuen Welt folgten lange Jahrtausende der friedlichen Koexistenz zwischen Vampiren und Menschen: Diese entsprechen nicht dem primären Wirtsschema der Vampire, und das vorsätzliche Ausrotten einer Tierart war den amerikanischen Ureinwohnern fremd und auch kaum motivierbar, da ihnen die meisten heute in Amerika gehaltenen Haustiere noch unbekannt waren. Als die Europäer seit dem 16. Jahrhundert dann Pferde, Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine in ihre Kolonien einführten, entstand auf den Weiden für Jahrhunderte eine riesige "Blutkonserve", von den die Vampire, allen voran Desmodus rotundus, profitierten.

Daß Weidetiere von Vampir-Fledermäusen gebissen wurden, war jahrhundertelang normal und kein Grund zu übertriebener Sorge, da große Tiere wie Rinder oder Pferde selten durch Schwächung ihrer Abwehrkräfte an Vampir-Bissen starben; nur Ferkel waren gefährdet, wenn die Zitzen der Mutterschweine verletzt waren, sowie Hühner, die einen zu großen Blutverlust erlitten. Zusammen mit den Haustieren kamen jedoch auch deren Krankheiten, die aber lange Zeit nicht richtig diagnostiziert und erst recht nicht mit Vampirfledermäusen in Verbindung gebracht wurden.
    Das änderte sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt seit den Zwanziger Jahren, als Desmodus rotundus als Überträger von Infektonskrankheiten nachgewisen werden konnte:

Jetzt versuchte man entschlossen, die Krankheiten auszurotten; da man aber die Erreger selbst nicht bekämpfen konnte, versuchte man, ihre Überträger auszurotten, und da kaum jemand einen Vampir von einer anderen, vielleicht insekten- oder nektarfressenden Fledertierart unterscheiden konnte, bekämpfte man eben alle Fledermäuse. Tausende Fledermaushöhlen wurden allein in Brasilien gesprengt; mehr als 44.000 Fledermaus-Quartiere wurden von 1964 bis 1967 in Venezuela vergiftet, was schätzungsweise zwei Millionen Fledermäuse das Leben kostete. Während unter solchen blindwütigen Maßnahmen die Vampire am wenigsten litten, wurden und werden sie andernorts (z. B. in Trinidad) ganz gezielt und durchaus erfolgreich verfolgt, etwa durch professionelle Vampirfänger, Fangnetze vor Ställen und Strychnin-Sirup, das auf frisch gebissene Wunden gestrichen wird und die nächsten Vampire tötet. Eine besonders perfide Methode besteht darin, langsam wirkendes Gift auf das Fell gefangener Vampire zu streichen und sie zu ihre Quartiere zurückfliegen zu lassen; durch die ausgeprägte soziale Fellpflege der Art werden dann fast alle Mitglieder der Kolonie ausgerottet und auch viele weitere Fledermäuse getötet, die dieselbe Höhle bewohnen. Rindern wird sogar ein für sie selbst nur schwach giftigen Mittel gespritzt, um die Bluttrinker auszurotten. Als Folge dieser Kampagne sind heute schon große Gebiete vampirfrei und fledermausarm.

Sind solche Bekämpfungsmaßnahmen gerechtfertigt? Selbst wenn die Maßnahmen ausschließlich Vampir-Fledermäuse träfen, so wären sie aus mehreren Gründen natürlich nicht gerechtfertigt:

  1. sind wirtschaftliche Ansprüche noch kein Grund, eine Tierart auszurotten: Auch in Afrika gibt es Regionen, in denen wegen der Verbreitung der Tsetsefliege nur Wildtiere, aber keine gegen die übertragenen Protozoen empfindlichen Haustiere gedeihen, was diese Gegenden vor übermäßiger menschlicher Nutzung und Zerstörung bewahrt hat.
  2. haben die europäischen Siedler sich die Schäden selbst zuzuschreiben, da sie die heute gefährdeten Haustiere ja erst in eine Welt importiert haben, in der Vampir-Fledermäuse Teil des natürlichen Gleichgewichtes sind. Auch wenn mancher es als "romantisch" oder "realitätsfern" abtun möchte: Wer Hunderte von Indianervölkern ausrottet und sich ihr Land aneignet, kann daraus kein Recht ableiten, dessen Natur auch noch zu zerstören. Nicht die Vampire sind die Gefahr, sondern unsere Zivilisation.
  3. läßt sich die "Derriengue" längst auch durch Impfaktionen bekämpfen – ähnlich wie in Europa die Tollwut bei Füchsen.

Die in Süd- und Mittelamerika betriebene Ausrottungskampagne sollte uns in Europa Mahnung sein, nicht mit anderen angeblichen "Schädlingen" (Krähen, Tauben, Graugänsen, Kormoranen, Bibern etc.) ähnlich dumm und unverantwortlich zu verfahren. Und Wissenschaftler sollten sich nicht in den Dienst naturfeindlicher Wirtschaftsinteressen stellen, um Ausrottungsmethoden zu entwickeln, die dann beschönigend als "Kontrollmaßnahmen" bezeichnet werden – eine falsche Übersetzung des kaum weniger euphemistischen englischen Begriffs pest control.

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